»Halten Sie keine Eulen als Haustiere«

Warum die Persönlichkeit von Harry Potters »Hedwig« mit realen Vögeln nichts zu tun hat

Von Joanne K. Rowling

Eulen sind auf der ganzen Welt Teil des Aberglaubens, und darum kommen sie natürlich auch ausgiebig in meinen Harry-Potter-Geschichten vor.

Für die Griechen war die Eule das Tier der Athene, der Göttin für Weisheit und Krieg; wenn eine Eule gesichtet wurde, die das griechische Heer vor einer Schlacht überflog, so wurde es als gutes Omen für einen Sieg angesehen. Für die Römer dagegen war die Eule ein Unglückswesen, das Tod und Verwüstung vorhersagte.

  • Beitrag von Joanne K. Rowling, der Deutschen Literaturgesellschaft zur Verfügung gestellt vom Archiv der FAZ
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In Großbritannien und einigen Teilen Europas gibt es heute noch den Aberglauben, dass es Unglück bringt, tagsüber eine Eule zu sehen, ein Aberglaube, der mir im ersten Kapitel meines ersten Buchs ("Harry Potter und der Stein der Weisen") Spaß bereitete: Denn das plötzliche, geradezu explosive Auftreten von Eulen, die bei Tageslicht fliegen, bedeutet ja etwas wirklich Gutes, was nur die Muggel - die normalen Menschen - nicht wissen.

Meine Zauberereulen sagen auch etwas über die Persönlichkeit ihrer jeweiligen Besitzer aus. Der arme Ron Weasley, Harry Potters bester Freund, bekommt "Pidwidgeon", eine Zwergohreule. Dabei handelt es sich um sehr kleine Eulen mit großen Ohren, sie sind niedlich, aber auch sehr unspektakulär. Der arme erschöpfte "Errol" wiederum, die Posteule der Familie Weasley, ist ein Bartkauz - meiner Meinung nach die komischste Eule der Welt. Schauen Sie ruhig mal im Internet nach, dann können Sie sehen, was ich meine.

Natürlich gab ich meinem Helden Harry die Eule, die ich für die Schönste von allen halte: die Schnee-Eule, die auch Geistereule genannt wird. Sie ist in Großbritannien nicht heimisch, und genau das würde, fühlte ich, Harry in Hogwarts zur Ehre gereichen - es gibt dort keine andere Schnee-Eule, wie Sie sicher wissen. Jeder Eulenexperte würde Ihnen allerdings sagen, dass "Hedwig" sehr untypisch für ihre Art ist.

Tatsächlich fand ich erst kurz nachdem mein erstes Harry-Potter-Buch zur Veröffentlichung angenommen worden war, heraus, dass Schnee-Eulen tagaktiv sind. Ich denke, es war, während ich an der "Kammer des Schreckens" schrieb. Ich las, dass Schnee-Eulen wirklich absolut still sind, die Weibchen sogar noch stiller als die Männchen. Darum soll man auch all die nächtlichen Ausflüge "Hedwigs" und ihre vielen tadelnden Rufe als Zeichen ihrer großen magischen Fähigkeiten oder aber als meine bemitleidenswerte Unfähigkeit, richtig recherchieren zu können, ansehen - das überlasse ich ganz Ihnen.



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Ich habe zudem nie beabsichtigt, das wahre Verhalten oder die Vorlieben realer Eulen in meinen Büchern zu porträtieren. Übrigens: Halten Sie keine Eulen als Haustiere. Kürzlich hat es eine Flut von Geschichten in der Presse gegeben, dass es sehr populär geworden sei, sich Eulen als Haustiere zu halten - angeblich eine Folge meiner Bücher. Wenn es wahr ist, dass jemand durch meine Bücher beeinflusst wird zu denken, dass eine Eule glücklich wäre, in einen kleinen Käfig eingesperrt zu sein, möchte ich diese Gelegenheit nutzen, so eindringlich wie möglich zu sagen: Bitte tun Sie es nicht!

Wenn Ihre Eulen-Manie nicht zu heilen ist, warum unterstützen Sie dann nicht eine Eule in einer Vogelstation? Dort können Sie Ihre Eule besuchen, und Sie wissen, dass Sie ihm oder ihr ein glückliches, gesundes Leben sichern.

Joanne K. Rowling


Hierbei handelt es sich um einen Artikel, der zuvor in der FAZ erschienen ist. Wir denken, dass dieser Artikel nicht in einem Archiv ungenutzt bleiben sollte, sondern die Öffentlichkeit hieran Anteil nehmen sollte. Deswegen haben wir bei der FAZ auf unsere Kosten die notwendigen Rechte erworben. (c) Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2007, Nr. 249, S. 7 Zur Verfügung gestellt von www.faz-archiv.de.